ANNE PESCHKEN / MAREK PISARSKY

East-Side-Story Eisenhüttenstadt

Planstädte – wie alle utopischen Entwürfe – setzen (meist von oben) gelenkte Entwicklung voraus. Dazu gehört auch Bevölkerungs- und Ansiedlungspolitik, die man im weiteren Kontext von Migrationspolitik betrachten kann.

Anne Peschken und Marek Pisarsky beschäftigen sich seit 2019  im deutsch-polnischen Grenzraum mit einer Reihe von Foto-Recherchen unter dem Titel  East-Side-Story. Hintergrund dieser künstlerischen Foto-Recherchen ist die aktuelle Migrationsdebatte, deren Akzente in Deutschland und Polen sehr unterschiedlich gesetzt werden.

Die Reproduktion bzw. Nachstellung historischer Aufnahmen in der Form von Familienaufstellungen zielt auf einen Erinnerungsfluss über die Generationen hinweg, bietet Reflexionsräume zur Migrationsgeschichte an.

Die bisher auf der östlichen, polnischen Seite der Oder entstandenen Bilder verhandeln vor allem Geschichten des Ankommens in einem neuen und fremden Lebensraum, wie sie auf privaten Bildern aus den 50er und 60er Jahren festgehalten wurden - in einem Gebiet, das am Ende des Zweiten Weltkriegs einen kompletten Bevölkerungsaustausch erfahren hat. Polen aus östlichen, an die Sowjetunion fallenden Teilen des Landes wurden in ehemals deutsch bewohnte Gegenden östlich der Oder umgesiedelt, deren deutsche Bevölkerung diese Gebiete verlassen musste.

Über persönliche Kontakte recherchiertes Fotomaterial, Erzählungen aus den ersten Jahren der Neuansiedlung führten zu einer Auswahl von Szenen,  die - soweit möglich - am Ort der historischen Aufnahme mit direkten Nachkommen der im Foto abgebildeten Personen nachgestellt wurden.

Die im Rahmen der East-Side-Story entstehenden Fotos werden mit einer digitalen Lochbildkamera aufgenommen, einer Digitalkamera, deren Objektiv durch einen Deckel mit einer Öffnung ersetzt ist. Eine Aufnahme mit dieser Kamera fordert eine lange Belichtungszeit, kann 15 Sekunden betragen. In dieser Zeit müssen die Protagonisten auf den Bildern eine Stellung halten - der im nachgestellten Bild 'eingefrorene' historische Moment bildet sich in der Dauer der Konzentration und Anstrengung ab, mit der er gehalten werden muss.

In der Aufnahme selbst bildet sich diese Dauer in der Unschärfe, einer sehr weichen Zeichnung und einer gesteigerten Farbgebung ab.



Die Unschärfe erzeugt auch eine Distanz zum wiederholten Motiv - hält diese offen - deutet auf die persönliche, sinnlich fassbare, nicht auf ein Allgemeines reduzierbare Geschichte, die immer wieder auch im Widerspruch zu den übergreifenden Narrativen steht.

In der jungen Geschichte von Eisenhüttenstadt ist der Mythos der Gründung der Stadt, sind die Anfangsjahre, in welchen die Stadt konzipiert, gleichzeitig geplant und gebaut wurde eine Zeit, die auch im Denkmalcharakter des Stadtkerns konserviert und hervorgehoben wird. Die Bilder dieser Zeit, die die ersten Bürger der Stadt zeigen, wirken oft wie private Aufnahmen, sind aber genau auch auf diesen Charakter hin abgestellte Inszenierungen. Eine Reihe dieser Fotografien nehmen Anne Peschken und Marek Pisarsky als Ausgangspunkt für eine Reinszenierung mit Bürgern der Stadt heute.

Es sind nicht die Nachkommen von auf den Vor-Bildern festgehaltenen Personen, es sind Personen, die wie die damaligen vor allem Bürger der Stadt sind.



Die Aufnahmen der 50er Jahren waren als Inszenierungen ein Mittel der Propaganda, Teil der Inszenierung Eisenhüttenstadts als 'erste Modellstadt des Sozialismus'. Das Pathos der Bilder aus den 50er Jahren verdankt sich dem Blick in eine behauptete bessere Zukunft. Es ist so eine vergangene Zukunft, die die reinzenierten Bilder fokussieren. Gerade an der Stelle, wo die Migranten von heute diejenigen der Bauzeit verkörpern stellen richtet sich der Blick auf eine Zukunft, die es nicht mehr gibt.


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