FRANÇOIS PISAPIA


Sense the city and its surroundings through vegetation! Streaming live now!

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At any moment during the month of September, 2020.

 


Historisch gesehen war das Land, das heute als Deutschland bekannt ist, sehr feucht: üppige Moorlandschaften, Moore und Sümpfe. Jahrhunderte des Baus von Kanälen, Deichen, Gräben und Dämmen haben die Feuchtgebiete entwässert, die Flüsse zu steuerbaren Strömen verengt und ihre Überschwemmungsgebiete drastisch reduziert, um dort Monokulturen möglich zu machen. 

Eisenhüttenstadt wurde 1951 als erste sozialistische Stadt Deutschlands auf der 'grünen Wiese' an der Oder, an der Mündung des Oder-Spree-Kanals erbaut. Sie ist eine industrielle, sozialistische Planstadt. Kernstück ist das Stahlwerk, früher Eisenhüttenkombinat Ost, immer noch EKO genannt,  das wie ein Schloss hoch am Ende der Haupteinkaufsstraße steht. Bei der Planung des Stadtgrüns sahen sich die Experten mit "äußerst ungünstigen Bedingungen" konfrontiert: saurer, sandiger Boden, mit niedrigem Grundwasser- und Niederschlagsniveau. Dennoch spielte die Landschaftsgestaltung eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung von Eisenhüttenstadt und war entscheidend für die Bekräftigung der sozialistischen Ästhetik und der sozialistischen Lebensideale. Das Grün der Stadt wurde als kommunaler, offener Raum geplant. Das Konzept stand in ideologischem Gegensatz zum Konzept der Parzellierung von Grundstücken zur persönlichen Nutzung und zum bürgerlichen Modell der Gartenstadt (jedem Haus ein Stück Natur). Der Kleingarten galt zwar weiterhin als integraler Bestandteil der deutschen Identität, wurde aber aus dem Stadtzentrum verdrängt. Die Vegetation in der Stadt diente auch als "grüner Vorhang", der verschmutzte Luft filterte und unangenehme Blicke verbarg. 

Auf einem Hügel weiter südlich überblickt das Kloster Neuzelle seine barocken Gärten, die in Felder münden, die einst zu den Überschwemmungsgebieten des Flusses gehörten. Das Zisterzienserkloster wurde 1268 gegründet. Historisch betrachtet waren die Zisterziensermönche auch Metallurgen. Sie verbreiteten im Mittelalter den wasserbetriebenen Hochofen in Europa. 

Im Nordosten von Eisenhüttenstadt steht eine Geisterfabrik aus dem Dritten Reich. Die Maschinen des Kraftwerks Vogelsang wurden 1945 von der Sowjetunion demontiert, bevor das Kraftwerk überhaupt in Betrieb genommen wurde. Von üppigem Grün überwuchert, überragt die Ruine den Radweg entlang des Hauptdeiches am linken Oderufer.

Innerhalb der Stadt liegt die Zentrale Ausländerbehörde (ZABH). Mit 1000 Plätzen ist die ZABH eines der größten 'Flüchtlingslager' in Brandenburg. Die Stadt innerhalb der Stadt ist durch Zäune abgesperrt. Sie liegt zwischen zwei der wichtigsten Grünzonen: dem Diehloer Berg und dem Inselpark mit dem Friedhof. Wegen der COVID-19-Pandemie  sind Besucher derzeit nicht zugelassen - Bewohner der ZABH werden von den Sicherheitsbeamten davon abgehalten, dort Aufnahmen zu machen. 

Pflanzen wachsen überall. Sie lenkten meine Wanderung durch dieses Gewebe von gesellschaftsgeschichtlich wie politisch aktuell aufgeladenen Orten. Ich fühlte mich besonders von üppigen Brachflächen und der freien Flora angezogen. Ich sah das sozialistische Stadtzentrum mit seinem Netz von offenen Höfen als einen Möglichkeitsort. Als einen Raum, der freie Bewegung ermöglichte.

Mein besonderer Dank gilt Muhammad Abbadi, der mich herumgeführt hat, Ayob Ben Mustafa, der mir in der ZABH geholfen hat, Niklas Nitschke, der das Projekt durchgehend unterstützt hat, Natalie Obert für die gemeinsame Forschung, Engelhard Dickreuter für die Gastfreundschaft, José Segebre für seinen Rat und all den charmanten Bewohnern, die ich beim Filmen von Pflanzen kennen gelernt habe.  


Logo-Entwurf von Charlton Diaz

Website-Gestaltung von Charlotte Dion-Dufourd


Quellen:

David Blackbourn, The Conquest of Nature: Water, Landscape and the Making of Modern Germany (2006)

Andreas Seidel,  Eisenhüttenstadt - Erste sozialistische Stadt Deutschlands (1999)

Gilles Clément, In praise of Vagabonds / The Planetary Garden (1999)

Monica Gagliano, Thus Spoke the Plant (2018)

Catriona Sandilands & Bruce Erickson (ed.), Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire (2010)


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Brennessel, Wiesenknopf, Klee, Bärenklau, Kerbel, Zaunwinde, Wucherblume, Flockenblume, Kratzdistel, Löwenzahn, Vogelwicke, Blut-Weiderich, Sumpf-Blutauge, Hundzunge, Gelbe Teichrose, Windblume-Königskerze, Fenchel, Lupine, Nachtkerze, und viel mehr!



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