Eisenhüttenstadt - Geschichte einer Passion

alle Bilder: Bundesarchiv, über wikimedia commons

Ein Projekt zur Stadtgeschichte

Eisenhüttenstadt und Neuzelle sind benachbarte Orte, deren Erscheinungsbild heute von  Architekturdenkmalen geprägt ist: in Eisenhüttenstadt ist es der Kernbereich einer gänzlich neu erbauten Stadt, in der die Bewohner unter sozialistischen Bedingungen leben, wohnen und arbeiten sollten, in Neuzelle ist es das Kloster, das seit dem 13ten Jhdt Zentrum christlicher Geistlichkeit war und sich bis heute in seiner im 18ten Jhdt entstandenen barocken Gestalt präsentiert: zwei Orte, die über die Grundidee der Entwicklung einer zukünftigen gerechten Gesellschaft in Verbindung gebracht werden können. Die beiden Modelle einer ‚guten Gesellschaft‘ -  hier christliches Heilsversprechen  -  da sozialistische Theorie  -  können in der Region in einzigartiger Nachbarschaft betrachtet werden.

Angeregt durch den siebzigsten Jahrestag der Gründung des Hüttenwerkes und der Gründung der dazugehörigen Stadt will das Projekt ‚Eisenhüttenstadt - Geschichte einer Passion‘ eine künstlerische Verbindung zwischen den beiden Orten herstellen.  Methodisch der Darstellungsweise der Neuzeller Szenenbildfolge des ‚Himmlischen Theaters‘ bedienen. Die Stadtgeschichte soll in der Form des Szenenbildes erzählt werden.

Die Szenenbildfolge des 'Himmlischen Theaters' ist in der barocken Ausstattung des Klosters ein herausragendes Kunstwerk, das seit 2015 in einem eigens dafür gebauten Museum gezeigt wird.  Das 'Himmlische Theater' erzählt die Passionsgeschichte in 15 Bildern, erweitert die Geschichte aber auch durch zahlreiche Bezüge auf andere Stellen der Bibel.

Form und inhaltliche Struktur, aber nicht der theologische Gehalt der Szenenbilder werden vom Projekt übernommen, um an wichtige Ereignisse der jungen Geschichte von Eisenhüttenstadt zu erinnern und sie darzustellen.

Das 'Himmlische Theater' erzählt die verschiedenen Momente der Passionsgeschichte in 15 Bildern. Nach dem Beispiel des Szenenbildes soll die Stadtgeschichte in mehreren Bildern erzählt werden, die jeweils einen historischen Moment aus der Geschichte der Stadt darstellen, diesen Moment aber über den Einbezug weiterer Ereignisse oder Entwicklungen bzw. Rückblenden in ein Gesamtbild zum Verständnis der Stadt erweitern.

Die Bildideen werden zunächst als Bildkonzept und Modell entwickelt, können aber in einem weiteren Schritt als große Bilder wie in Neuzelle umgesetzt werden. Der Rahmen eines künstlerischen Prozesses bietet dabei die Möglichkeit zu einer freien und spielerischen Deutung der Stadtgeschichte.


Form und inhaltliche Struktur der Neuzeller Szenenbildfolge

Das barocke Szenenbild des ‚Himmlischen Theaters‘, das seit 2015 im Kloster Neuzelle in einem eigens dafür gebauten, die Gebäude um den Klosterhof erweiternden Museum gezeigt wird, schildert die Passionsgeschichte in fünf großen Kulissen, die fünf Orte definieren (Garten, Palasthof…). Mit über 100 Figurengruppen wurden von ca. 1750 bis 1850 im Rahmen der Aufführung der Bildfolge vor Ostern, vermutlich in der Heilig-Kreuz-Kirche, insgesamt fünfzehn erzählerische Szenen zusammengestellt.



Die einzelne Szene schildert einen Moment in der Passionserzählung, der in einer zentralen Figurengruppe dargestellt wird (z.B. der permanent im Museum ausgestellte ‚Judaskuss‘). Dieser erzählerische Moment wird durch weitere Figurengruppen auf andere Stellen in der Bibel bezogen.

In Neuzelle kommen im Kontrast zu vergleichbaren erhaltenen Szenenbildfolgen z.B. im süddeutschen oder Tiroler Raum noch Figuren hinzu, Engel, die Schriftbänder halten, sogenannte ‚Deutgeister‘. Diese Figuren erlauben, Bibelzitate, Botschaften in das Bild zu integrieren, die nicht an die Darstellung einer Handlung gebunden sind.

Der Raum des einzelnen Kulissenbildes ist perspektivisch aufgebaut, erzeugt über die Staffelung mehrerer Bildebenen und die Orientierung auf den Fluchtpunkt hin eine Raumillusion. Die in diesem Raum aufgestellten Figurengruppen zeigen oft mehrere Menschen in großer Nähe zueinander, in einem ‚Gemenge‘ - sie werden in Momenten eines gesteigerten Bezugs aufeinander gezeigt, wie in Augenblicken des Schreckens oder der Freude, wenn man sich innig aufeinander bezieht und aneinander festhält.

Die gemalten Figuren werden stark überschnitten und in der einzelnen Figurengruppe ebenfalls hintereinander gestaffelt angeordnet (den Hauptfiguren schauen Nebenfiguren über die Schulter etc.). Die emotionale Bewegung der einzelnen Figur wird in stark betonter Gestik und Mimik ausgedrückt.

Über die Raumillusion und über die innere Bewegung, die alle Figuren zu durchdringen und zu verbinden scheint, werden ganz unterschiedliche Momente in Raum und Zeit miteinander verbunden. Während der ‚Judaskuss‘ als erzählerisches Hauptmoment im ‚Garten‘-Bild in direktem Zusammenhang mit dem Raum der Kulisse steht, geht die Gruppe vorne links, in der Kain seinen Bruder Abel erschlägt, der Hauptszene zeitlich weit voraus. Der Betrachter, der die verschiedenen erzählten Momente und Zitate neben-, hinter-, miteinander in ihren Beziehungen aufeinander nachvollzieht, kann ausgehend vom zentralen erzählerischen Augenblick einen komplexen Deutungszusammenhang herstellen.


Vorstellungen zur Methodik der Entwicklung einer Eisenhüttenstädter Szenenbildfolge

Ziel des Projektes ist es, zur Entstehung und Entwicklung von Eisenhüttenstadt eine Reihe von Szenenbildern zu erarbeiten, die jeweils ausgehend von einem historischen Moment und möglichst auch einem definierten, realen Ort in der Stadt diesen Moment deuten und interpretieren. Durch Hinzunahme und Schilderung weiterer örtlicher Ereignisse und anderer als wichtig erachteter zeitgeschichtlicher Elemente erweitern sich die Szenenbilder zu einem ‚Bild der Stadt‘ .

Die 15 Szenen des ‚Himmlischen Theater‘ werden in fünf Kulissen eingerichtet, die jeweils einem Ort entsprechen. Diese Struktur könnte auf Eisenhüttenstadt übertragen werden. Der Stadtentwurf bedient sich des Baukastensystems und sieht zunächst die Errichtung von vier Wohnkomplexen vor,  die ursprüngliche Idealstadt, sowie später dann eines fünften und sechsten, die den notwendigen Erweiterungen entsprechend der ablaufenden Entwicklung des Hüttenwerks Rechnung tragen. Die Wohnkomplexe und die dazugehörige Entwicklungsstufe des Hüttenwerks könnten als Basiskulissen der Szenenfolge dienen.

In einem Bildkonzept  werden zunächst mehrere geschichtliche Ereignisse zusammengeführt, die auch subjektiver, rein privater Natur sein können. Die Figurengruppen, die diese Ereignisse darstellen, können z.B. über Elemente aus historischen Fotografien oder als gestellte Fotografien entwickelt werden.

Nahe liegt auch, die Deutgeister auf die öffentlichen Verlautbarungen im Sozialismus abzubilden um so auch rein sprachliche Elemente in das Bildkonzept zu integrieren.


Vorstellungen zur Organisation und zum Ablauf der Arbeiten am Projekt

Für die Ausarbeitung des Bildkonzepts sollten Gruppen von Bürgern verschiedener Altersstufen und beruflicher Orientierung gebildet werden. Ein enger Kontakt zu den Museen, den Kulturschaffenden,  den Stadtverordneten, interessierten Vereinen und Zirkeln usw. wird angestrebt.

Niklas Nitschke, der das Projekt als Künstler konzipiert hat und betreuen wird, leitet das Projekt für den Kunstverein Neuzelle.

Der Kunstverein bietet als Ort, um Gespräche zu führen und Materialien zu sammeln einen als Atelier angemieteten Laden in der Straße der Republik an.

Es besteht bei Interesse für die Entwicklung der Bildkonzepte Zugang zum Stadtarchiv.

Es wird angestrebt, noch 2020 das Konzept der Bilder und einen Vorschlag für deren Vorbereitung und Gestaltung auszustellen.